Themen

Dynastien in NRW


Twitter

Feed abonnieren

Schönes Altes Rheda

Erinnerungen des Fürsten Adolf zu Bentheim-Tecklenburg
Selbstverlag 1975

Ein altes Schloss, wie das Rhedaer, welches in seinen Anfangen bis auf 1189 und wahrscheinlich noch weiter zurückgeht, hat schon Vieles in seinen Mauern gesehen. Geschlechter kamen und gingen, Glück und Unglück wohnten dort auf dem Hügel über der Ems in stetem Wechsel.

In einer Zeit, wo das Haus Bentheim Tecklenburg durch Feinddiktat einerseits und durch die furchtbare Not der Nachkriegszeit gezwungen wurde, dieses Schloss, in welchem das Geschlecht ununterbrochen seit 1365 gewohnt hat, zu räumen und aufzugeben, lohnt es sich, einen Rückblick zu tun in jene Zeit, da Glück und Glanz einer nie wiederkehrenden Epoche hier eine Stätte hatten. In den folgenden Zeilen soll die Rede sein von den Räumen, ihren Benennungen, welche sich mit Gliedern der Familie verbinden und dem Leben in jenen Tagen, das der Verfasser als einer der Letzten noch selber miterlebte. Gestalten treuer Leute und alter Rhedaer Typen sollen sie wieder beleben und so kommenden Geschlechtern ein Bild vermitteln, das ihnen vielleicht wie ein Traum vorkommen wird.

Seit jeher war es alter Brauch, Schlossraume nach langjährigen Bewohnern oder solchen, die häufig wiederkehrten, zu benennen.

Wahrend der ,,Alte Teil”, der Renaissancebau, wohl immer als Wohnung für den Herrn des Hauses und seine engste Familie gedient hat und daher keine Zimmernamen kennt, nahm der ,,Neue Teil”, der Barockbau von 1720, welcher nach dem großen Brande von 1718 durch den ,,Meister von Gildehaus” (nach den letzten Forschungsergebnissen) errichtet wurde, die Gäste auf und diese gaben den Räumen zumeist ihre Namen. Es gibt dort eine Philippinenstube. Sie ist benannt nach der Gräfin Philippine zu Ysenburg Meerholz, der Gattin des Grafen Moritz-Casimir, des früh verstorbenen Bruders des Fürsten Emil Friedrich; sie war also seine Schwägerin und ist dort in hohem Alter und geistig nicht mehr ganz frisch gestorben. Sie war die Besitzerin eines alten Hundes, welcher das ganze Haus tyrannisierte und eines Tages von der Galerie in den Hof stürzte. Zur allgemeinen Enttauschung lief er alsbald die Treppen wohlbehalten wieder hinauf zu seiner Herrin. (Im Plan Nr. 46).

Gegenüber liegen die Reck’schen Stuben (Nr. 37/38). Hier lebte Caroline, eine Tochter Emil Friedrichs und seiner Gemahlin Luise Wittgenstein Hohenstein (vermahlt 1791, gestorben 1828). Caroline heiratete 1817 den Grafen Karl von der Recke Volmerstein und beschloss, ihr Leben bei ihrem Bruder Moritz-Casimir 18 , das in dieser Ehe scheinbar nicht ganz leicht gewesen sein muss, denn sie pflegte in späteren Jahren zu sagen ,,Reck ist Dreck”. ,,Tante Kuni” Recke war eine Verwandte und Pflegerin von ihr, die sie ihrem Bruder als ,,teures Vermächtnis” hinterließ und die es verstanden hat, ihr Dasein auf diesem günstigen Fundament so fest zu gründen, dass sie erst 1886 durch meinen Vater Gustav bei der Obernahme des Besitzes (1885) darüber aufgeklart wurde, Rheda sei ,,keine bleibende Statt”. Worauf sie nach Gütersloh zog und dort eine Schulerpension eröffnete, um später im Stift Fulda das Zeitliche zu segnen. Emilzimmer nennen sich die Räume nach dem Hof im Erdgeschoss (Nr. 17/18), well dort Emil Friedrich seinen Lebensabend verbrachte, vermutlich nach dem Tode seiner Gattin 1828; er starb dort 1837. Das Vorzimmer (Nr. 16) wird Totenzimmer genannt. Ich weiß nicht, ob hier schon Emil Friedrich aufgebahrt worden ist, jedenfalls stand dort die Leiche des Fürsten Franz 1885.

Dieser bewohnte die Franzstuben (Nr. 35/34) seit er aus Hohenlimburg zurückgekehrt war, wo er seinen regierenden Bruder Moritz-Casimir als Drost der Grafschaft vertreten hatte. Eine unglückliche Liebe zu einer schonen Limburger Bürgerstochter hatten ihn mehr und mehr zum Sonderling gemacht und er lebte in der fixen Idee, seine Stellung als Fürst (seit 1872) und Fideikommissbesitzer verpflichte ihn zu aussäerster Sparsamkeit, denn er sei nur der Verwalter und Nutznießer, nicht aber der Besitzer. Später bannte ihn die Gicht in den Rollstuhl und meist ans Zimmer. Dass dergestalt unter der Leitung von ,,Tante Kuni” diese seine Tendenz immer zu ihrem Recht kam, darf nicht angenommen werden. Er aber trank weiter den sauren Wein, den er nicht aus dem Keller, sondern aus der ,,Eintracht” holen ließ. ,,Die Frau kann aus dem Haus mehr in der Schurze tragen

,,Als je einfahren kann der Mann im Erntewagen”

In diesem Sinne wurde eine mehr als fürstliche Wohltätigkeit geübt und mein Vater hatte unter dem Rufe eines Geizkragens lange zu leiden, als die Kanäle verstopft wurden. Unterdessen waren die Motten in die alten Renaissancegobelins im Saal gekommen und der alte Herr befahl in seiner ohnmächtigen Wut, sie zu verbrennen; was leider dieses Mai pünktlichst befolgt wurde. Bis heute schauen die vier weißen Rechtecke wie tote Augen auf die schone Ornamentik des Weißen Saales.

Der langjährige Pfarrer Schengberg, welcher etwa Mitte der neunziger Jahre nach Herford ging, ein sehr duldsamer Herr, muss wohl einmal den höchsten Unwillen erregt haben, denn nach einem Besuch des gicht-brüchigen Herrn, welcher nicht ungefährlich war, weil in seiner Stube eine Riesendogge jeden Besucher anfletschte, schoss dieser aus dem Fenster hinter dem Pfarrer her, so dass der nur dadurch gerettet wurde, dass ihn der schützende Torbogen gerade aufgenommen hatte.

Dass die Kapellenstuben (Nr. 62/63) im Alten Teil ihre Bezeichnung von der nahen Nachbarschaft der Kapelle herleiten, ist klar. Sie waren wohl seit jeher Fremdenstuben. Für den Verfasser gewannen sie erhöhte Bedeutung, als Herr Kandidat Werner aus Dessau hier 1898 seinen Einzug hielt und sie bis 1904 seinen Nachfolgern Hachtmann, Möller und Erfling als Wohnung dienten und gleichzeitig als Unterrichtsraum benutzt wurden, in dem auch Wilhelm Schulte Mönting bis 1903 an den Brüsten der Weisheit mitsaugen durfte. Die Gütersloher Gymnasialzeit schloss diese Periode ab. Das Stöhnen selbstquälerischer Schulpein klingt in ihnen aber auch heute noch nach. Daneben freilich auch vergnügte Stunden, in denen Weihnachtsarbeiten gefertigt wurden oder die Grundversuche der Chemie von Herrn Erfling vorgeführt worden sind. Große Tage waren unter Hachtmanns Leitung, als hinter einem Vorhang, welcher eine Ecke abdeckte und der richtig zum Ziehen war, Stücke wie Rotkäppchen usw. über die Bretter gingen. Weitere Akteurs waren der Familie Schulte Mönting entnommen.

Machen wir nun einen Rundgang durch die Wohnräume der Familie.

Die Zimmer der Hausfrau dürften wegen ihrer praktischen Lage immer die gleichen gewesen sein (Nr. 27/ 31). Jedenfalls wurden sie bereits von Tante Agnes Wittgenstein Hohenstein seit ihrer Heirat mit Moritz-Casimir 1828, also im Todesjahr ihrer Schwiegermutter Luise bewohnt, bis zu ihrem Tode 1866. Ihr Gatte wohnte in den Zimmern des Hausherrn (Nr. 26/27), nachdem sie sein Vater mit den Emilzimmern vertauscht hatte. So ist es geblieben bis zum Verlassen des Schlosses. Die Einteilung in Vorzimmer, Schreibzimmer, Salon war gegeben. Im Erker des Salons, der durch eine leichte Wand abgetrennt war, starben Moritz-Casimir und seine Gattin 1804 zwei Tage nacheinander. Für Schlafhygiene hatte die Zeit noch keinen Sinn.

Meine Eltern benutzten das Giebelzimmer oben (Nr. 53) als Schlafzimmer, wo ich auch 1889 geboren wurde. Die Betten standen an der langen Wand des danebenliegenden Treppenzimmers und ich erinnere mich noch wohl, dass ich dort bei meiner Mutter im Bett als kleiner Knirps manche behagliche Morgenstunde verbrachte. Mein Vater hatte die Treppe in den Räumen 29 und 54 gebaut, als er die Räume vor seiner Heirat 1888 durch eine Stuttgarter Firma im Geschmack der damaligen Zeit sehr reich nur herrichten ließ. Sie wurden von allen Besuchern als besonders gemütlich gepriesen.

Das Schlafzimmer oben wurde dann 1923 zum Kinderzimmer (Nr. 53) und meiner Mutter Ankleideraum daneben (Nr. 52) wurde von Schwester Flora Werner bezogen.

Die Stube Nr. 56 war 1888 als Jungfernzimmer gedacht, 1889 jedoch nahm sie bereits mich auf mit meiner lieben alten Kinderfrau Lina Asthoff.

Zur Zeit von Tante Agnes war die obere Treppenstube (Nr. 54) Jungfernzimmer gewesen. Bis zum Jahre 1925 bewohnte ich mein altes Kinderzimmer als Schlafzimmer und benutzte es seit der Heirat lediglich als Garderobe. Dann hielten die Kinder ihren Einzug und bis zuletzt diente des Gustava als Wohnzimmer. Viele Erinnerungen sind mit diesem Räume verknüpft. Ich sehe noch sehr deutlich mein Bettchen in der Mitte stehen und den alten Dr. Buchheister herantreten, welcher gewöhnlich ratlos war, insbesondere gegenüber meinem Ausschlag, der mich zeitweilig ganz in Verbände hüllte. Ich höre noch das Schleichen des Ofenheizers Fisse, wenn er im Morgendunkel mit einer Laterne herumging und die Öfen entfachte. „Lina, Fisse hat Holz gebracht”, gellte es dann durch die Stille, denn ich hatte ausgeschlafen, während Lina noch in allen Tönen schnarchte. Alsbald wurde sie aber doch genötigt, das Konzert abzubrechen und ihre spärliche Wäsche in einer Zimmerecke zu beginnen. Ich bewunderte dann jedesmal ihr schönes volles Haar, das sie in dicke Zöpfe flocht und am Hinterkopf befestigte; nicht minder den Flanelllappen, der täglich auf die Brust gelegt wurde, ehe sie ihr Kleid schloss. Zuweilen musste ich in den Nächten speien. Dann kochte Lina mir Fliedertee oder Fencheltee und gab mir einen Zwieback. Den Geruch werde ich nie vergessen. Zur Winterszeit wurden mit den Kameraden aus der Stadt auch Lotto- und ähnliche Spiele an dem ovalen Tisch mit der dunkelroten schwarzbedruckten Decke gespielt oder die Fürstenauer Großmama las mir Grimms Märchen vor, während Lina dabei strickte. 1898 absolvierte ich hier eine „herrliche Krankheit”, die Masern und Herr Werner spendete aus dem großen Schatz seiner prächtigen Bleisoldaten, die später auch in meinen Besitz übergingen, einige Schachteln, mit denen historische Schlachten aufgebaut wurden. Auch der erste Elementarunterricht durch Herrn Keiser fand in diesem Zimmer statt, aber erst später, denn 1896 wurde er im Frühstückszimmer meiner Eltern (Nr. 28) erteilt. Hier war es auch, wo mir im Eifer der Stabübungen, die Herr Keiser eingeführt hatte, etwas sehr plötzlich und reichlich aus dem langen Hosenbein hervorrieselte, so dass er die Übungen eilends abbrach „Nur schnell hinauf, nur schnell zur Lina!” 1898 heiratete Lina des Rhedaer Zigarrenfabrikanten Heinr. Lewecke und damit trat der erste große Schmerz in mein Leben. Trotz ihrer Ehe fand sie sich doch bereit, an Sonntagen bei mir Kaffe zu trinken und mit mir spazieren zu gehen; wenn meine Mutter abwesend und ich in dem oberen Stock allein war, dann kam Lina sogar auch nachts wieder zu mir. Zu diesem Zweck hatte mein Vater in den kleinen Raum neben meinem Zimmer (Nr. 57) eine Tür brechen lassen und sie schlief nun neben mir, während die Vorräte, die dort gestanden, anderwärts untergebracht wurden. 1911 habe ich dann daraus ein Badezimmer gemacht

Die anschließenden Stuben (Nr. 58/59) waren für mich damals auch ein sehr beliebtes Reich. Hier hatte Onkel Karl in seiner Junggesellenzeit beim Bruder sein Quartier aufgeschlagen (1885 – 91) und es roch noch nach ihm. 1908 hatte mir mein Vater die eine Stube als Wohnzimmer zugewiesen, ich benutzte sie als solches bis 1914. 1922 wurde sie unser Schlafzimmer und alle unsere Kinder erblickten hier das Licht der Welt. Die Nebenstube diente als Ankleidezimmer.

Das folgende Zimmer (Nr. 60) war Garderobe für alle alten Uniformen und Theaterkostüme, die sich zahlreich erhalten hatten, bis die Nöte des ersten Krieges Lücken in die Bestände fraßen und die Plünderungen des Jahres 1945 ihnen weiter Abbruch taten. Damals war es für mich aber eine beliebte Sehenswürdigkeit und mein Vater liebte es, mich in die alten Uniformen zu stecken, die z. T. noch den Schnitt der Befreiungskriege zeigten. Kürassierstiefel gab es da und die gewickelte Husarenmützen friderizianischer Zeit (es gibt ein Bild von Moritz-Casimir 11. mit dieser Mütze auf), ein Kürass, eine Menge Säbel, ein ganz altmodischer Husarenattila und nicht zuletzt die Uniformen meines Vaters. 1922 hielt die Jungfer Rosa Müller hier ihren Einzug, bis ich mein altes Kinderzimmer verließ und hier meine Anziehstube aufschlug, in der ich bis zuletzt verblieb. Von den hier anschließenden Kapellenstuben war schon die Rede.

Machen wir noch einen kurzen Rundgang durch den unteren Stock, den wir oben schon teilweise erwähnt haben.

Unter der Kapellenstube lag (Nr. 23) die frühere Leibjägerstube. Um die Mitte der neunziger Jahre spielte sich hier eine Tragödie ab. Der damalige Leibjäger Otto erschoss sich, weil er einem Hausmädchen Magdalena ein Kind erzeugt hatte. Die Auffassung der damaligen Zeit war noch nicht so lax und ihm schien nur dieser Ausweg übrig zu bleiben. Ich erinnere mich noch gut des betrübten Vaters, der die Leiche des Sohnes abholte, auch an das tränenüberströmte Gesicht der hübschen Magdalena, die mir zum Abschied einen Kuss gab. Lina begleitete die unverhoffte Szene mit den Worten „l gitt, nun küsst sie auch noch das unschuldige Kind!” In meinem Alter hatte der Kuss dieser Magdalena aber weiter noch keine Folgen. Von 1925 an diente diese Stube als Jungfernstube bis zuletzt.

Das Schreibzimmer meines Vaters, welches auch Onkel Casimir schon als solches benutzt hatte (Nr. 25), war ein Heiligtum und stets verschlossen. Wenn ich hier morgens eintrat, pflegte mein Vater die rechte Schublade seines Schreibtisches (derselbe der seit Onkel Casimirs Zeiten bis zuletzt zwischen den Fenstern gestanden hat) aufzuziehen und ein bestrickender Duft verbreitete sich. Hier lagen immer Zuckerstückchen, von denen ich mir eins nehmen durfte. Dann hing dort neben dem eingelassenen Bücherschrank Säbel und Revolver nebst einer blauweißroten Schärpe; erstere Gegenstände waren von meinem Vater bei Weissenburg und Wörth geführt worden. Die Scheide zeigte eine Beule und ich bildete mir ein, sie rühre von einer Kugel her. Die Schärpe mochte ein Beutestück sein.

Am Ofen stand ein Liegesofa, welches mein Vater in seiner Krankheit 1908 – 09 viel benutzte, um ungestört zu sein.

Sein Stube (Nr. 26) wurde durch eine Wand in der Längsrichtung durchteilt, so dass zwei Räume entstanden, wie in den Stuben darüber. Der Erker hatte zu Onkel Casimirs Zeiten als Vogelvoliere gedient, welche nach außen noch weiter vorgebaut gewesen war. Unzählige Gehörne „zierten” alle Wände, wo heute der Kamin liegt, stand das Tafelklavier und in der Mitte befand sich ein großes Etablissement mit einem großen Stuhl, in welchem der Hausherr den größten Teil der Nächte zubrachte und bei einer spärlichen Petroleumlampe las, nicht selten so lange, dass diese verlosch. In diesem Stuhl ist er am 9. Mai 1909 auch mittags gestorben. An der Tür zu seinem Ankleide- und späteren Schlafraum stand ein hoher Aktenschrank und an derselben Wand der Mahagonischrank mit alten Orden, Uhren, Dosen und sonstigen Raritäten, die bei der Plünderung teilweise auch abhanden gekommen sind. Festtage waren es, wenn diese Dinge einmal ausgepackt und gezeigt wurden. Insbesondere mein Vetter Konrad Erbach war wie elektrisiert von den Orden, unter denen sich auch ein Schwarzer Adler in gestickter Ausführung vorfand. Er kannte sie alle und verlieh” sie dann den staunenden Zuschauern. Im Erker pflegte mein Vater in späteren Jahren zu frühstücken, da er sehr spät aufstand.

1913 habe ich mich dann auf Zureden meiner Mutter entschlossen, diese Räume für mich herzurichten, obgleich viele Erinnerungen für mich damit verschwinden mussten. Hier hatte ich die ersten selbständigen Briefe an einem kleinen Spieltisch in der Fensternische verfasst und hier war der Exerzierplatz für meine Kanone gewesen, eine hölzerne Nachbildung einer Mitrailleuse als Zigarrenkasten ausgebildet und einem eingeschnitzten „Sedan” im Deckel.

Die Trennwand fiel und dadurch entstand der schöne große Raum. Die alten Balken wurden hergerichtet und aus der Decke herausgeholt, eine Treppe zu meinem Schlafzimmer (Nr. 56) durch den Tischler Heinr. Neuhaus in Rheda sehr glücklich in die Ecke gebaut und die Fenster mit Butzen verglast. Vor dem Kriege baute ich den Kamin hinein, dessen Teile sich in dem Dachraum über der Kapelle befanden und in der alten Garderobe (Nr. 60). Das Feuerloch brachte ich mir aus London mit und in späterer Zeit tauschte ich mit dem Museumsdirektor Baum-Dortmund die alten Kacheln gegen einen Gobelinrest ein. Die Einrichtung besorgte während meiner Abwesenheit im Kriege 1914 — 18 meine Mutter mit ihrem zweiten Gemahl, meinem Vetter Hermann Schönburg. Sie gelang so gut, dass sie bis zuletzt fast unverändert geblieben ist. Der Messingkronleuchter stammte von Helbing-Nürnberg und der große Eichentisch mit den dicken Beinen war ein Geschenk des Archivars Dr. Müller, ein altes Bremer Stück. Dieses schenkte mir meine Mutter, während die übrigen Möbel größtenteils solche aus dieser Stube meines Vaters waren. Nach dem Abendessen haben wir eigentlich regelmäßig hier gesessen bis zur Ankunft der zahlreichen Flüchtlinge des Jahres 1945.

Meine Mutter liebte es sehr, ihre Stuben womöglich zweimal im Jahr völlig umzuräumen. Es ist daher nicht möglich, die vielen sehr verschiedenen Bilder, welche sich dadurch ergaben, festzulegen, wenn sich auch mehrere meinem Gedächtnis für immer eingeprägt haben.

Der schöne Kamin im Schreibzimmer (Nr. 30) war damals gänzlich verunziert durch eine Blechverkleidung mit aufgelegten Bronzeornamenten. In seiner ursprünglichen und auch noch heutigen Gestalt zeigt er sich erst wieder seit neuerer Zeit.

Im Vorzimmer (Nr. 31) haben wir in den schlechten Jahren bis zu meiner Heirat immer gegessen, zumal meine Mutter in der Kriegszeit fast stets allein war. 1945 wurde dieser Brauch infolge Kohlenmangel trotz der zahlreichen Flüchtlinge wieder aufgenommen.

Trotzdem die Räume im Erdgeschoss unpraktisch liegen, waren sie wohl seit jeher die Wirtschaftsräume des Schlosses, jedenfalls nach dem Brande von 1718. Personal war eine Menge vorhanden und so war die Einteilung in einer Weise auch praktisch.

Ich erinnere mich noch, dass die Dienerstube in der späteren Weißzeugstube (Nr. 7) untergebracht war und ein Klingelzug mit Fußpedal im Vorzimmer darüber alarmierte den damaligen Diener Klose, dessen lautes Gähnen man oben deutlich vernehmen konnte. Das Weißzeug hielt Ende der neunziger Jahre hier seinen Einzug und die Diener in der Dienerstube (Nr. 6). Mein Vater verlangte, dass einer der zahlreichen Männer nächtlich im Hause schlafe. Ursprünglich war das Aufgabe des Leibjägers. Nach der geschilderten Tragödie wurde dieser aber in das Stallgebäude ausquartiert und einer der verheirateten Männer logierte, sittlich gefestigt gegen Sirenengesänge, in der Dienerstube, später in der bisherigen Jägerstube. Die Stuben neben der Dienerstube dienten immer als Wohnung der Beschließerin (Nr. 3/4) und wurden als solche erst von Rosa Müller aufgegeben, die stark an Rheumatismus litt, als sie in späteren Jahren den Beschließerinposten übernahm. Das Zimmer nach dem Hof wurde Esszimmer des Personals, während das kleine Zimmer nach dem Wall Fremdenzimmer für Dienerschaft blieb. Die Kaffeeküche daneben (Nr. 2) war der hierfür gegebene Raum und das Arbeitszimmer der Mädchen schloss sich praktisch daran. In meiner Jugend gab es auf dem Unterhof im Oekonomiegebäude (jetzt Landarbeiterwohnung) unten noch ein Plättzimmer und einen Raum, in dem eine riesenhafte hölzerne Wäschemangel stand. Diese Räume wurden später aufgegeben und in das genannte Arbeitszimmer verlegt. Das alles war das Reich der alten Beschließerin Huneke und dann durch 30 Jahre das der Fräulein Greiner, deren Katze immer auf der Fensterbank saß und noch heute in meiner Erinnerung als Schlossinventar weiterlebt.

1885 hatte mein Vater gleich das Archiv in das Erdgeschoss des Kapellenturmes verlegt und diesen Raum dafür herrichten lassen, daher denn auch das Gitter über dem Fenster der Türe stammt. Gleichzeitig hatte er in den oberen Stockwerken des anderen Turmes alle Bücher konzentriert und die Räume von unendlichen Mengen Taubenmistes und Dohlenschmutzes, den Lieblingen von Onkel Casimir, säubern und für den neuen Zweck herrichten lassen. Er selbst ordnete die überall verstreuten Bücher und stellte sie in Schränken auf. Aus der Kapelle entfernte er in diesen Jahren eine unschöne Kanzel und einen hölzernen Lettner.

Ich erinnere mich noch der alten Gestalt des Luisengärtchens, so benannt nach der Gemahlin Emil Friedrichs Luise Wittgenstein Hohenstein. Vom Häuschen zur Hausecke des Neuen Teiles waren heckenartig verschnittene Obstbäume gepflanzt, während in der Mitte ein kleiner Rasenplatz mit Efeu und einem Beet angelegt war. Auf dem Abhang des Walles gegenüber dem Waschhaus stand eine Laube aus Wein und nicht weit von ihr ein Apfelbaum, dessen Zweige ohne Stamm aus der Wurzel entsprangen und daher zum Klettern herrlich geeignet waren. Die Geißblattlaube grade gegenüber dem Häuschen des Luisengärtchens ist auch der jüngsten Generation noch bekannt. Nach Eingehen der Obstbäume versetzte meine Mutter etwa 1915 das Denkmal von Onkel Casimir und Tante Agnes ins Luisengärtchen; es hatte bisher an den Platanen an der Kegelbahn im Garten gestanden (Kinderspielplatz).

Wir gehen nun hinüber in den Neuen Teil und besuchen zunächst die Fremdenzimmer des ersten Stockes, um auch meine Erinnerungen, welche sich an sie knüpfen, festzuhalten.

Die Eckstube (Nr. 51) ist für mich unlösbar mit Weihnachten verknüpft. Sie war gewiss am längsten unsere Weihnachtsstube von etwa 1898 an. Das große Schlafzimmer (Nr. 50) und der Blaue Salon (Nr. 49) waren die Fremdenzimmer der Sommergäste und wurden oft und regelmäßig von Onkel Arthur Erbach und seiner Gattin Marie sowie von der Familie Onkel Eduard Salm Horstmar wochenlang bewohnt. Aus meiner frühesten Kindheit erinnere ich mich auch, dass hier Onkel Georg Schönburg an einer schweren Influenza niederbrach, so dass man lange für sein Leben fürchten musste. Bei meiner Heirat 1922 bezog meine Mutter diese drei Stuben und wohnte dort bis 1926, als sie mit ihren Möbeln nach Hohenlimburg ins Nassauer Schlösschen umzog, im allgemeinen jedoch ihren Wohnsitz nun ganz zu ihrem Mann nach Hermsdorf verlegte. Im Balkonzimmer (Nr. 48) wurde auch einmal Weihnachten gefeiert, als Onkel Karl aus Hohenlimburg und die Fürstenauer Großmama da waren; die Eckstube wäre zu klein geworden. Im Zimmer daneben (Nr. 47), das ich wegen Erneuerungsarbeiten in meinen Räumen im Sommer 1922 bewohnte, brachte ich spannende Tage und Nächte nach meinem Motorradunfall zu; es fragte sich, ob es gelingen würde, den Hochzeitstermin trotz meiner Verletzungen innehalten zu können. Die Philippinenstube (Nr. 46) gehört wieder zu meinem Jugendland. Hier wohnte regelmäßig Tante Emma, die Schwester meiner Mutter, bis zu ihrer Verheiratung 1898. Sie war künstlerisch reich begabt, war eine gute Pianistin und malte künstlerisch. In ihrer Stube war es mir gestattet, alle ihre Gerätschaften anzufassen und sie war jederzeit bereit, mir bei meinen Malversuchen und sonstigen Handfertigkeiten zur Hand zu gehen. Was konnte es schöneres für einen 7—9-jährigen Jungen geben. Ich weiß nicht genau, ob es in diese Periode fällt, oder in späteren Jahren passiert ist, jedenfalls wurden alle romantischen Geister in Aufregung versetzt durch die Tatsache, dass es in „der Philippine” spuke. Meine Tante hatte allein in dem langen Flügel geschlafen — offenbar war meine Großmama damals nicht mit zu Besuch gekommen, wie sonst immer — und wachte durch heftige Schläge gegen die Tür zum Gang auf. Als alles ruhig blieb, schlief sie wieder ein, um abermals durch Bersten und Bullern unsanft geweckt zu werden. Das war ihr denn doch sehr unheimlich und die altgewohnte Stube wurde ihr nächtlicherweise zum Tummelplatz der 1806 verstorbenen Tante Philippine, die ja auch nicht mal ganz dreizehnlötig gewesen sein sollte. Im Nachthemd eilte sie den langen Gang im Dunkeln herunter zu meiner Mutter. Diese machte sich mit der Schwester und einem Licht auf und beide untersuchten die Stube gründlich, aber resultatlos. Meine Mutter fand sich bereit, mit ins Bett zu kriechen und kaum waren die beiden Schwestern eingeschlummert, begann der Spektakel aufs Neue. Im Kleiderschrank spukte es, kein Zweifel! Die Sache konnte nicht anders aufgeklärt werden. Erst im Jahre 1922 wurde der Grund darin festgestellt, dass die Fundamente des Hauses, welche auf Pfahlrosten seit urdenklichen Zeiten ruhten, langsam nachgaben und sich lange Risse von oben nach unten in den Innenmauern gebildet hatten. Wie schon einmal vierzig Jahre vorher sah ich mich daraufhin genötigt, große Betonklötze zur Befestigung der Fundamente unter diesen Gebäudeteil zu versenken. Seither hat der „Spuk”, welcher eigentlich in jedes ordentliche Schloss gehört, aufgehört. Die letzte Stube in der langen Reihe nach Süden gelegener Räume ist die „Große Jungfernstube (Nr. 45), welche mit der kompakten Figur von Fräulein Ochs für mich verbunden ist, der Jungfer meiner „Guteborner oder Rudolstädter Großmama”, welche genauso streng war, wie ihre unter ihr logierende Gebieterin. Später wurden die „Erbacher Buben” hier eingesperrt, denen der Ruf größter Unsauberkeit und Zerstörungswut vorausging, weshalb sie besserer Räume nicht gewürdigt wurden. Dass dieser Ruf nicht völlig unbegründet war, scheint mir dadurch erwiesen zu sein, dass sie gelegentlich der gemeinsamen Reise zur Beisetzung meiner Rudolstädter Großmama 1902 den Fürstlich Schwarzburgischen Salonwagen, in dem die Schwarzburger Herrschaften reisten, vollgespieen hatten und die Möbel mit schmutzigen Schuhen versauten, was höheren Orts sehr übel vermerkt worden war.

Zweifellos die schönsten und nachhaltigsten Erinnerungen verknüpfen sich mit den Reck’schen Stuben und dem dazu gehörigen Jungfernzimmer (Nr. 37—39). Sie waren das ständige Quartier der Fürstenauer Großmama und ihrer beiden treuen Jungfern Zenzl (von Lina „Sense” genannt) und später Gretchen. Solche Gestalten, wie diese Großmutter gehören mit ihrer gewohnten Umgebung und allen Einzelheiten für die ganze Lebenszeit zu dem Unvergesslichen und immer Lebendigen. Jeder Mensch kann nur immer wieder dankbar sein, wenn es ihm vergönnt war, neben seinen Eltern solchen Menschen zu begegnen und sie aus dem Leben wegzudenken, wäre ein unersetzlicher Verlust. Es wird später noch eingehend von dieser lieben Großmama die Rede sein.

Die Franzstuben (Nr. 35/34) wurden in der Regel bewohnt von Hermann Schönburg, wenn er von seinen verschiedenen diplomatischen Posten nach Deutschland kam und fast stets über Rheda zu kurzem Aufenthalt reiste. Später waren sie das ständige Quartier für Onkel Karl, als der die Vormundschaft führte und dann mein Bevollmächtigter während meiner Dienstzeit war. Auch in neuer Zeit wohnte das Ehepaar immer dort und in der Kalten Stube (Nr. 33), wenn es zu Jagden oder zu Weihnachten erschien, um sich an den Kindern zu erfreuen. Die Franzstube war auch das Ziel des Einbrechers, welcher den „steinreichen Prinzen” zu schröpfen gedachte, jedoch nur zwanzig Mark in seinem Schreibtische fand. Es war der Schlosssoldat Manhenke, der zu diesem beschwerlichen und gefährlichen Behufe den Weg über das Fenster auf der Wallseite am Bibliotheksturm gewählt hatte und von dem Hellseher Petzold aus Bielefeld entlarvt wurde. Bei meiner Mutter hatte er reichere Beute gemacht, indem ihm ein goldenes Kreuz in die Hände gefallen war. Da alsbald der erste Krieg ausbrach und der ungetreue Wächter eingezogen wurde und fiel, ließ man die Sache auf sich beruhen.

In der Kalten Stube (Nr. 33) müssen die ersten Weihnachtsfeste gefeiert worden sein, denn ich erinnere mich noch an Geschenke, wie einen kleinen Milchwagen, einen Hühnerhof und dergleichen, die auf ein recht jugendliches Alter des Beschenkten hindeuten. Vom Vorzimmer meiner Mutter (Nr. 31) kann man die Fenster der Kalten Stube sehen und der in höchster Spannung der Bescherung harrende wurde dort damit beschäftigt, aufzupassen, ob er nicht das Christkind aus der Kalten Stube fliegen sehen werde; dann würde die Klingel zur Bescherung ertönen.

Dass alle diese Räume in der Kriegszeit 1939 bis 1945 durch Einquartierung „ihr Gesicht verloren” und zu Kasernenstuben im übelsten Sinne herabgewürdigt wurden, sei nur nebenbei bemerkt, denn es soll hier ja nur vom „schönen alten Rheda” die Rede sein. Der nachmalige Generaloberst und Flakkommandeur Deßloch hauste hier mit seinem Korpsstabe zu Kriegsbeginn. Später quartierte sich eine Flakabteilung unter Major Siegfried dort ein, dieselbe, welche infolge einer Beobachtungsstelle auf dem Kapellenturm die hässlichen Dachfenster in den Turm baute und schließlich gab eine Abteilung vom Stabe des Generalkommandos unter Major Lumbeck den Stuben den Rest.

Das Große Treppenhaus, auch „der Große Entree” genannt, hatte ehedem ein anderes Aussehen. Im ersten Stock befand sich eine Art Saal, der an seinen Schmalseiten je eine Tür hatte. Diese führte zu zwei sehr engen, dunklen und vor allem lebensgefährlich steilen Treppen, welche kurvenreich abwärts führten. Ich kann mich nur noch sehr dunkel daran erinnern.

Hiermit wären wir bei der Schilderung der Umbauten meines Vaters angelangt. Es muss jedoch zum Saal über dem großen Treppenhaus (Nr. 36) noch erwähnt werden, dass hier die Bilder meiner Eltern entstanden sind. Der Maler Söhn aus München hatte sein Atelier in diesem Raum mit Nordlicht 1892 aufgeschlagen, um das Bild meines Vaters zu malen, während der Düsseldorfer Künstler Daelen ein Bild meiner Mutter anfertigte, auf dem sie wie eine Chokoladenreklame aussah; es hing dann in meines Vaters Zimmer, musste jedoch auf ihren Wunsch nach seinem Tode zusammengerollt werden. Ein sehr schönes Bild ließ mein Vetter Hermann Schönburg von ihr 1912 durch den polnischen Maler von Szankowsky malen, welcher im Weißen Saal arbeitete. Ich hatte dieses Gemälde geerbt. Leider ist es durch den Russeneinbruch in Hermsdorf verloren gegangen.

Aus der Zeit von Daelen und Söhn erinnere ich mich noch sehr dunkel — ich war erst drei Jahre alt —, dass ich Herrn Daelen zum Spielen aufforderte „Herr Daelen Adöllchen fangen!”, worauf dieser wie ein riesiger Bär hinter mir herstürzte den ganzen langen Gang entlang, von mir „Kollidor” genannt.

Als meine Rudolstädter Oma einmal köpflings die alten barocken Treppen hinabgestürzt war, hatte für diese die Stunde geschlagen und mein Vater ließ das Treppenhaus in seiner jetzigen Gestalt umbauen. Dem Schreiner Büscher-Wiedenbrück war das alte Treppenhaus (Nr. 8/32) zum Muster angegeben worden; leider wurde das neue durch die Maschine verunstaltet, denn die neunziger Jahre verpönten jede Handarbeit.

Das war die erste bauliche Veränderung, an welche ich mich erinnere. Etwa um die gleiche Zeit muss die Treppe entstanden sein, welche zur Kapelle hinaufführt. Der Architekt war Nordhoff-Münster. Bis dahin musste die Gemeinde immer die Treppe im Alten Teil (Nr. 61) hinaufgehen und der Leibjäger verteidigte dann den Eingang zum Zimmer meines Vaters. Das wurde damit abgestellt und die traditionelle Silvestergemeinde flutete nun unbehelligt über die neue Treppe. In der Kapelle selbst wurde die besonders hässliche Kanzel entfernt und der Lettner weggenommen. Sie klebte wie ein Schwalbennest vor dem Altar an einem der Pfeiler und hat sich noch lange auf dem Speicher erhalten, erinnern kann ich mich nicht mehr daran.

1901 entstand als nächstes die Veranda, zu welcher Dr. Müller, der Archivar, die Zeichnungen geliefert hatte.

Bis dahin wurde die lange Südfront auf dem Wall nur durch zwei Kirschbäume unterbrochen, welche hart an der Wand des Gelben Salons (Nr. 13) standen und recht wenig Schatten boten. Darunter standen höchst unbequeme Gartenmöbel. Hier wurden Bowlen getrunken, wenn Herren zu Besuch waren, insbesondere Einquartierung, denn es war damals noch die schöne Zeit, wo der „Krieg” spätestens 11.30 Uhr zu Ende war. Im Sommer bekam ich auch hier mein Abendessen serviert. Einmal war dabei Luise Salm zugegen und ich hatte ein winziges rotes Fastnachthütchen auf dem Kopf, welches ich so zu balancieren verstand, dass es nicht herunterfiel. Luise bewunderte das und versprach mir eine Mark (einen für mich unerhörten Betrag), wenn ich es nicht in die Suppe fallen lassen würde. Da lag es auch schon drin!

Aus dem Konzertzimmer heraus bis zur gegenüberliegenden Hecke, die damals noch aus wildem Wein bestand — erst meine Mutter ließ 1914 die Heimbuchenhecke pflanzen —, war der Wall mit Quadersteinen gepflastert, welche ich lange für eine Brücke hielt. An der Hecke wurde das Pflaster durch zwei dicke Baumstämme flankiert, auf denen grüne Kissen lagen. Sie waren aus Ton.

Vor dem Landschafts-Wohnzimmer (Nr. 21) stand ein ungewöhnlich geschmackloses quadratisches Zelt, welches aus einem Eisengerippe bestand und mit Leinwand verkleidet war. Ebensolche Möbel bevölkerten es. Ich habe nie jemand darin sitzen sehen und mir machte es nur im Regen Spaß, darin zu verweilen, weil es momentan durchregnete. Trotzdem wurde es jährlich neu aufgebaut. Ulrich Schönburg, der damals auf der Reitschule Hannover war, hatte es beschafft und mein Vater war zu sparsam, um es nicht in Benutzung zu nehmen, obgleich seine Zwecklosigkeit erwiesen war.

Unter den Linden am Bibliotheksturm stand immer an der Südseite ein Etablissement. Zwischen den Linden hing eine Hängematte, in der meine Mutter zuweilen lag und auch ich ab und an verstaut wurde, bis ich einmal herausstürzte und mit dem Kopf auf eine dicke Wurzel aufschlug, so dass mich meine Mutter wie tot wegtragen musste. Hier stand auch mein Kinderwagen 1889. Um die Ecke herum nach der Ostseite des Turmes war ein Kegel-Baumelschub errichtet worden, welcher nach dem Essen fleißig benutzt wurde, zumal wenn meine Fürstenauer Oma zu Besuch war, die dieses Spiel für alle Beteiligten durch ihre sehr lebhafte süddeutsche Art ungemein würzte. An kühleren Tagen liebte es mein Vater auch, Federball zu spielen, wobei meine Großmutter auch die Hauptattraktion war. Das war also das Gesicht des Walles vor dem Verandabau.

1900-01 ließ mein Vater mit dem entstehenden Wasserwerk auch das Schloss mit Wasser und Gas versorgen. Ich erinnere mich, dass es eine endlose Arbeit war, die vorzugsweise von Italienern ausgeführt wurde, mit denen mein Vater gern einige Brocken sprach, was mir sehr imponierte. Die Gaskandelaber im Hof, sowie die Gasbeleuchtung auf Treppen und Fluren und in den Küchen kam einem damals feenhaft vor und einer der Diener stellte bewundernd fest, dass man im Hof jetzt sogar lesen könne. Bescheidene Zeiten.

Damals entstand auch das erste Badezimmer im Neuen Teil (Nr. 19) und es gehörte ein gewisser Heroismus dazu, zur Winterszeit dort zu baden, denn die Gänge waren eisig kalt. Außer mir hat es auch wohl niemand versucht. Aber es war eine „Errungenschaft der Neuzeit”, wenn man bedenkt, dass bis dato die einzige Bademöglichkeit im Schloss lediglich in der Kammer neben dem Waschhaus bestand, wo ein Ofen geheizt wurde und eine verwahrloste Badewanne stand. Ich weiß mich aber auch noch zu erinnern, dass ich von Lina in das Badehaus geführt wurde. Dieses stand an der Stelle, wo im Park die Ems nach Westen abbiegt und heute die moderne Villa errichtet ist. Das Haus wurde erst 1936 oder 37 als baufällig abgebrochen, nachdem es längst seinen Zwecken nicht mehr diente. Über die Ems führte vom Garten her eine Brücke und man musste läuten, um das Brückentor geöffnet zu bekommen. Dann erschien eine ungeheure alte Frau mit einem gestrickten Kopftuch und einem großen Haffzahn im Munde, die Bademeisterin Frau Ellbracht. Sie war die Witwe des alten Ofenheizers, den ich auch noch gekannt habe und der sich mit einem großen weißen Bart geschmückt hatte. Mir war sie sehr zugetan, doch war sie mir trotz ihres Wohlwollens immer etwas unheimlich, denn sie erschien mir als die verkörperte Frau Holle. Im Sommer schwamm unmittelbar vor den Mühlenrädern — es gab damals fünf und das Einradsystem führte mein Vater erst 1907 ein — ein Häuschen mit Leinwandwänden, welche drei Badezellen umschlossen, in denen Treppen in große Gitterkästen hinabführten, durch die die Wellen der Mühlräder mit großer Gewalt brausten. Mein Vater liebte es sehr, hier zu baden und es war auch weit mehr der Treffpunkt der eleganten Welt, wie das Badehaus der Frau Ellbracht. Später wurde es, da unrentabel, nicht mehr errichtet. Diese Erinnerungen mögen dartun, dass das neue Bad im eigenen Haus nichts Geringes war zu meiner Zeit.

Elektrisches Licht und Zentralheizung — damals nur für den Neuen Teil — habe erst ich in den Jahren 1912 und 1913 eingerichtet. Das Bad für das Personal neben der Anrichte (Nr. 8) und darüber (Nr. 32) entstand erst viel später, nämlich 1937; dazu musste die Kalte Stube verkleinert werden. Einen Telefonanschluß gab es gar erst seit 1919 und zwar zunächst nur für die Domänenkammer, wozu allerlei Kämpfe mit dem Kammerdirektor Krietemeyer nötig waren.

Außer diesen modernen und unerlässlichen Verbesserungen habe ich wenig bauliche Spuren im Haus hinterlassen können, wenn man davon absieht, dass ich den oberen Hof umgestaltet habe, der früher mit dichtem Fliedergebüsch vollgepfropft war. Eine Pumpe mit hölzerner Verkleidung stand in der Mitte des Hofes und Onkel Casimir soll es geliebt haben, hier nach dem Essen zu sitzen.

Mir war es beschieden, fast nur anormale Zeiten zu erleben und die wenigen guten Jahre von 1909 bis 1914 war ich in Potsdam. Nach 1919 kam durch den Verlust von Stablewitz und die Inflation ein Vermögensverfall, welcher lediglich zuließ, entstandene Löcher zu stopfen. Als es allmählich wieder aufwärts ging, war das Schloss so verwohnt, dass wir viel Geld in die Räume hineinstecken mussten, um diese wieder herzurichten, was auch sehr gut und bis auf wenige Reste gelungen war. Amsel hätte sich damit für Jahrzehnte ein Denkmal setzen können, denn sie war die stete Triebfeder und Anregerin aller Verschönerungen. Da aber kam der Krieg 1939 und machte die Arbeit von 17 Jahren zunichte.

Die meisten Erneuerungen und Verbesserungen, welche mein Vater gemacht hat, liegen jedoch längst vor meiner Zeit.

Als er im Jahre 1885 als Erbe seines Onkels Franz nach Rheda kam fand er ein Schloss vor, das wohl noch die Spuren ordentlicher und pfleglicher Wirtschaft aus der Zeit von Tante Agnes und Onkel Casimir aufwies, sonst aber sehr einer neuen und energischen Hand bedurfte.

Zunächst wurde die Verwaltung reorganisiert sowie die kleine Landwirtschaft abgeschafft, welche, zum Spott der ganzen Stadt, eine Quelle unrechtmäßiger Bereicherung für andere war.

Sodann wurde aufgeräumt. Die ziemlich beträchtlichen und wertvollen Archivalien waren auf den Böden zerstreut, wo sie ihre Unterkunft mit unzähligen Tauben und noch mehr Dohlen teilten. Im Erdgeschoss des Kapellenturmes wurde nun alles gelagert. 1902 etwa erschien Dr. Gustav Müller aus Bremen, ein Studienfreund von Onkel Arthur Erbach, um sich der Urkunden anzunehmen. Er wohnte unter teils sehr hübschen Möbeln in genialer Unordnung im Stallgebäude in den Räumen, die sich an die der Domänenkammer anschlössen. Die Arbeit war beträchtlich, wurde aber auch von Dr. Müller gestreckt, der sich in Rheda in seinem Element fühlte. Bis etwa 1913 hat er den Zettelkatalog des Archivs gefertigt und die Urkunden gebündelt. Es war offenkundig, dass er niemals fertig werden würde, weshalb auf ihn nunmehr ein sanfter Druck ausgeübt werden musste. Diesen nahm er so übel, dass er abging, ohne sein Werk zu Ende geführt zu haben. Die vorhandene Büchersammlung wurde zusammengestellt und in die dazu hergerichteten Räume im zweiten Turm, der seither Bibliotheksturm heißt, gestellt. Die Ordnung führte mein Vater selbst durch und muss dazu Monate gebraucht haben, denn sie erwies sich als so gut, dass sie durch den Verfertiger des Zettelkataloges, Pastor Prof. Möller-Gütersloh im Jahre 1920 ganz übernommen werden konnte.

Die Räume im Neuen Teil, in welchen zuletzt das Billardzimmer (Nr. 9) das Konzertzimmer (Nr. 11), der Gelbe Salon (Nr. 13) und das Vorzimmer (Nr. 12) um das Esszimmer herum waren, wurden auch neue hergerichtet. Im Billardzimmer war Steinfußboden und die Weißzeugkammer war hier untergebracht. Es musste ein neuer Fußboden gelegt werden; die Täfelung aus Lärchenholz entstammt einer späteren Zeit, etwa den neunziger Jahren.

Das Konzertzimmer erhielt einen Parkettboden und die Täfelung. Hier wurde ein tiefer Brunnen gefunden und zugedeckt; er muss wohl in dem 1718 abgebrannten Schlossflügel eine Rolle gespielt haben. Die gleichen Verbesserungen erfuhren Gelber Salon und Vorzimmer. Im Esszimmer blieb das alte Parkett erhalten, jedoch wurde der Raum im Geschmack der Zeit sehr reich mit Täfelung, geschnitzten Büffets und einem großen Kachelofen ausgestattet. Diese Tischlerarbeiten — ebenso wie die Ausstattung des Schreibzimmers meiner Mutter (Nr. 30) fertigte der sehr geschickte Tischler Zeitler-Gütersloh.

Auf unserem weiteren Rundgang verlassen wir nun das eigentliche Schloss und wenden uns den umgebenden Gebäuden zu.

Da ist noch die Küche zu erwähnen, auch ein mir sehr liebes Reich, zumal in der Winterszeit. Hier herrschte patriarchalisch der alte Keiser, der Vater unseres letzten Küchenchefs. Er war von Onkel Casimir bereits in den sechziger Jahren engagiert worden und stammte aus Anhalt. Seine Kochkunst Übertragern manchen Dingen noch die des Sohnes, welcher in der bekannt guten herrschaftlichen russischen Küche gelernt hatte. Vater und Sohn waren 80 Jahre bei uns, der jüngere Keiser folgte im Jahre 1909 und verließ uns erst beim Umzug nach Bosfeld. Wenn der Alte am Herd stand, war es, als zelebriere er das Hochamt. Seine Ministrantin war etwa mit ihm gleichzeitig eingetreten. Marie Güthenke, genannt „Küchenmarie” war auch für ihre Zeit ein Unikum und wäre heute nicht mehr denkbar . Täglich stand sie um 6 Uhr in der Küche und besorgte alles allein, ob für 10 oder 20 Personen zu kochen war. Außerdem hielt sie nicht nur die Geschirre — damals noch schöne kupferne, welche einer Kupfersammlung des ersten Krieges geopfert werden mussten, ebenso wie die Prospektpfeifen der Kapellenorgel — blitzblank, sondern reinigte auch Küche und Keller selber. Wenn es gar zu arg wurde, nahm sie sich Frau Witte, ihre Schwester, zur Hilfe. Ihren sonntäglichen Kirchgang in Kapotte und Kragenmantel aus den siebziger Jahren ließ sie sich durch keine noch so große Arbeit nehmen. Dann wurde eben um fünf Uhr angefangen und um Mitternacht aufgehört. Bei ihrer Pensionierung fand man in ihrer Stube ein völlig zerlesenes Gebetbuch und eine Bibel, die noch Tante Agnes in die Stube gelegt hatte. Sie wohnte dann mit einer anderen Schwester, Frau Zehlen, seit 1919 auf dem Unterhof im Wirtschaftsgebäude, dort, wo ehedem die Bügel- und Mangelstube gewesen war, bis zu ihrem Tode. Nicht nur bei mir, sondern auch bei den Erwachsenen war es sehr beliebt (bei Letzteres wegen des urkomischen Anblickes), wenn ich an möglichst dunklen Abenden mit einem Kapuzenmäntelchen angetan und eine Laterne in der Hand herumspazierte. Dann war das Ziel dieses Nachtwächters stets die Küche, wo es immer etwas Gutes zu essen gab, was eigentlich verboten war. Aber Ermahnungen von Küchenmarie, etwa „Herr Papa und Frau Mama will das aber charnich ehern haben” hielten sie nicht davon ab, mir etwas zuzustecken. Besonders imponierte mir stets das Hochwerfen von Pfannkuchen und Bratkartoffeln in der Pfanne, das Keiser mit Meisterhand auszuführen verstand.

Im Obergeschoss der Küche im heutigen Mädchenzimmer (Nr. 43) war damals das Esszimmer des Personals, streng geschieden in Kammertisch und Leutetisch, wobei an Ersterem der alte Keiser mit großer Würde präsidierte. In der Stube nach dem Hof, welche zuletzt die Beschließerin Rosa Müller innehatte (Nr. 42), saß der alte Keiser, der selbstverständlich erst dann in der Küche erschien, wenn alles von Küchenmarie bis auf den letzten Handgriff vorbereitet war und es sich nur noch um die letzte Feinheit der wahren Kunst handelte. Im winzigen Kämmerchen neben ihm (Nr. 41) hat die alte Marie vierzig Jahre gehaust, d. h. eigentlich nur ihr Gebetbuch gelesen und geschlafen; der Raum war von wahrhaft spartanischer Einfachheit. Heute kann man sich solche pflichttreue, fleißige, bescheidene Menschen von so hoher Leistung einfach nicht mehr denken. Sie kannten nur Pflichten und keine Rechte, die man ihnen niemals vorenthalten hätte. Heute ist es genau umgekehrt. Bei denen, welche die Ehre gehabt haben (man kann es nur so nennen) sie gekannt zu haben, haben sie sich ein Denkmal gesetzt, das unvergänglich ist. Wir werden noch Mehrere zu rühmen haben.

Im Gebäude am Toreingang nördlich war die Schlosswache untergebracht, daher das Haus „die Wache” genannt wird, obgleich sein überwiegender Teil Wohnung des Haushofmeisters war. Die erste Stube links von der Eingangstür war das Wachlokal, damals noch nicht mittels einer Mauer in zwei Räume geteilt und im altpreußischen Stil hergerichtet. Zwischen den Fenstern stand eine Pritsche für drei Mann aus enormen Eichenbohlen gezimmert, ein Tisch und zwei geflochtene Bauernstühle nebst einem langen Uniformschrank vervollständigten die Einrichtung. Die Wände zierte kein Bild, sondern nur die Namenstafel der Schlosssoldaten mit dem verzeichneten Wachturnus.

Diese Einrichtung geht auf die Zeit der Burgmannen zurück und hat sich durch die Jahrhunderte bis 1925 erhalten. Waffen aus friderizianischer Zeit, Tschakos aus den Befreiungskriegen, Trommel und Sponton waren bis zum Einbruch der Amerikaner noch vorhanden.

TcTiKenne die Schlosssoldaten nur in blauer Uniform mit dunkelgrünem Kragen im preußischen Schnitt und einer kleinen Schirmmütze nach Art der „Krätzchen”. Im Winter trugen sie einen schwarzen Mantel und riesige Filzschuhe. Goldene Knöpfe mit dem Rhedaer Löwen und ein kurzer Säbel, ebenfalls im Stil der 1760er Jahre vervollständigten den Mann. Das rotweiß gestrichene Schilderhaus war drehbar und eine Freude für das Kinderherz.

Die Männer rekrutierten sich aus dem Rhedaer Handwerkerstand, taten einen um den anderen Tag Dienst und besorgten ihr Handwerk an den freien Tagen, so dass sie mit dem damals sehr niedrigen Tagelohn und freier Kleidung recht gut auskamen. Als uns die Inflation den Begriff des „Existenzminimums” beschert hatte und man hinter „Doppelverdienern und Schwarzarbeitern” herschrie, schlug die Todesstunde dieser segensreichen Einrichtung. Der Letzte war ein nicht ganz normaler und daher verkrachter Zahntechniker.

Neben dem Wachdienst, der sich alle zwei Stunden ablöste, hatte der jeweils freie Soldat Botengänge zur Post mit einer großen umgehängten Tasche und Besorgungen für die Domänenkammer zu erledigen. Nach dem Schritt des Boten, welcher die Post vors Fenster auf dem Treppenabsatz an meines Vaters Stube zu legen hatte, konnte man die Uhr stellen. Nachts musste alle zwei Stunden das Schloss umschritten werden, wobei eine Kontrolluhr am Bibliotheksturm zu bedienen und an bestimmten Stellen zu pfeifen war. Dies geschah mit einem offenbar uralten Instrument, das einen klagenden Ton hatte, den ich nie mehr vergessen habe.

Das Wachlokal war aber durchaus auch der Treffpunkt aller. Hier saßen sie auf der Pritsche, besonders Ofenheizer und Kutscher, rauchend und klönend. Hier schlief auf der harten Pritsche in der Mittagszeit der Schlosstischler Stork, welcher seines Amtes in der Tischlerwerkstatt im Waschhaus waltete bis er etwa 1917 so versoffen war, dass er den täglichen Weg zur Wöste, wo er in besseren Zeiten sich ein kleines Anwesen erspart hatte, nicht mehr leisten konnte. Hier fanden aber auch die Geburtstagsbiere statt. Mein Vater stiftete den Angestellten zu den drei Geburtstagen der Familie jedesmals ein Fässchen Bier. Noch heute höre ich den Gesang herauf schallen, dessen Chorführer Husemann, der Renteibote, Fischer und Wiesenwärter war. Als Kriegsteilnehmer von 1870 und Inhaber des Eisernen Kreuzes legte mein Vater Wert darauf, dass seine Schlosssoldaten ebenfalls nach Möglichkeit damit dekoriert waren. Unter ihnen gab es unvergessliche Spitzwegtypen.

Da war der alte Freiherr von Recklinghausen, einer gänzlich verarmten Adelsfamilie entstammend und seines Zeichens ein Schuster, der unter seinem grauen Vollbart an Festtagen die Düppelmedaille und das Eiserne Kreuz trug. Meist war er schlechter Laune und daher von den Kindern sehr gefürchtet. Er war ohne seine halblange Pfeife, die er auch auf Posten sitzend zu rauchen pflegte, nicht denkbar. Um den gefürchteten und geehrten Vaterlandsverteidiger zu gewinnen, schenkte ich ihm zuweilen ein Paket Tabak. Ein anderer Kamerad war der „junge Recklinghausen” , jung wohl nur deshalb, weil sein wallender Vollbart nicht ergraut war. Zwei weitere Zeitgenossen waren Elges und Möhrs, die mir nicht so auf die Finger passten und deshalb beliebter waren. In späterer Zeit, etwa Anfang des Jahrhunderts, war eine besonders martialische Erscheinung der „alte Stork”, Besitzer eines kleinen Kottens im Gaukenbrink, alter Gardist und ebenfalls Kriegsteilnehmer aller Kriege mit entsprechenden Auszeichnungen. Er war ein großes Original und ein Geschichtenerzähler ersten Ranges, allerdings nur auf Plattdeutsch. Dass seine Döhnkes immer für die reifere Jugend gewesen wären, kann man nicht behaupten. Wenn er die Wache hatte, war immer „was los”; leider habe ich seine Erzählungen vergessen. Seinen alten Mantel dritterGarnitur nannte er nicht anders als den „ollen Pißmäntel”, weil er ihn nur auf dem Gang zum Austreten benutzte, denn er hielt was auf sich. Und als einst mein Spielgenosse Wilhelm Schulte Mönting sich um das Fegen der Straße, was den Soldaten mit oblag, bemühte, sagte er nur verächtlich „Hei steit do chrade, äs wann hei in de Fühlen kacken wull”. Die Urwüchsigkeit seiner Äußerungen mag hiermit dargetan sein. Man darf aber nun nicht annehmen, dass die Schlosssoldaten trotz ihrer mannigfachen Verwendung nicht auch stramme Soldaten gewesen seien. Wenn meine Eltern oder Gäste die Wache passierten, standen sie wie die Bolzen stramm neben dem Schilderhaus. Konrad Erbach machte sich als Siebzehn- bis Achtzehnjähriger immer das Vergnügen, möglichst oft die Wache zu passieren, um ihre Ehrenbezeugungen entgegenzunehmen, die er mit tief abgezogenem Hut zu erwidern pflegte wie der Präsident der Französischen Republik bei der Parade.

Zu meiner Zeit gab es gleichzeitig nie mehr wie drei, höchstens vier Schlosssoldaten. Onkel Casimir hatte noch zehn, einen Unteroffizier und einen Trommler. Alte Leute konnten sich in meiner Jugend noch gut erinnern, dass diese Schlossgardekompanie unters Gewehr trat, auf dem rechten Flügel der Unteroffizier mit dem Sponton und neben ihm der Trommler. Die Herrschaften fuhren dann unter tambour battant in der großen alten Kalesche mit Hängefedern und Wappen am Türschlag vierspännig mit Lakai hinten aufgetreten etwa zur Kirche.

Ein Ereignis mag hier Platz finden, welches in die Geburtsstunde der „Motorwagen” zurückreicht. Ein Arzt, Dr. Ricke, war mit dem Bürgermeister Schulte Mönting befreundet und kam zuweilen nach Rheda. Es muss etwa 1895 gewesen sein, als dies wieder einmal geschah, diesmal aber in der sensationellsten Weise, nämlich wie Ellas mit dem feurigen Wagen. Es war das erste Auto, was ich zu sehen bekam. Ganz Rheda sprach davon. Was lag näher, als dass der Doktor diesen Wagen auch meinem Vater einmal vorführte. Dieser hatte für alle Neuerungen ein heimliches Interesse, was er jedoch unter größtem Skeptizismus zu verbergen trachte. So gab er bei der Vorführung dem Doktor auf, der solle mit dem feuerspeihenden Ungeheuer doch einmal den „Treibweg” durch das Bosquet befahren. Man muss wissen, dass dieser Weg ein tiefer Sandweg damals war, der selbst den modernen Autos nicht besonders zugesagt haben würde, weshalb ich ihn dann ja auch befestigen ließ. Um die Ehre des Motorwagens zu retten, blieb dem guten Doktor nichts übrig, als den Versuch zu wagen. Sein Gefährt war ein Phaeton, von dem die Pferde abgespannt waren, vorn niedrige, hinten hohe Räder, ein steiles Steuer in der Mitte des Wagens, wie auf einer Elektrischen, hinten ein Kasten, in welchem es entsetzlich bullerte, stank und — wie es mir wenigstens schien — Feuer spie. Eine Unzahl von Hebeln war zu bedienen und die Kraftübertragung geschah durch einen Treibriemen, wie bei einer Nähmaschine. Der Start fand an der Wache statt und den Weg abwärts zum Bouquet ging auch alles recht gut. Die Schlosswache war vollzählig angetreten, um dem Gefährt weiterzuhelfen, wenn es — wie man hoffte — stecken bleiben würde. Dies geschah zwar nicht, aber die Vollgummireifen lösten sich in dem Sand alsbald von den Rädern, Peumatiks gab es damals noch nicht. Nun war es an den Schlosssoldaten und dem alten Haushofmeister Dahm, diese wieder aufzulegen und kaum war es gelungen, flog der Treibriemen ab und am Denkmal musste Dr. Ricke das Rennen tatsächlich aufgeben.

Da vom Motor in seinen Kinderjahren die Rede ist, mag auch mein zweites Zusammentreffen mit ihm hier Platz finden. Es muss schon nach der Verheiratung Linas gewesen sein, etwa um 1900, als ich einmal allein zum Doktorsplatz, heute Hindenburgplatz, kam, ein Ereignis, was zur Zeit Linas undenkbar gewesen wäre. Dort stand ein nun schon wesentlich modernerer Motorwagen, welcher einem Dogeart der Bauart „Tonneau” nicht unähnlich sah. Ein Haufen Kinder umringte ihn und alsbald erschien eine bis zur Unkenntlichkeit vermummte Gestalt mit langem Mantel, Autobrille und „Respirator”, einer Art Gasmaske, welche das Atmen bei dem wahnsinnigen Luftdruck erleichtern sollte, der entstand, wenn ein Fahrzeug mit einer Geschwindigkeit von 30 km in der Stunde daherbrauste. Es war Herr Dittmann aus Langenberg, meines Wissens der erste Tollkühne, welcher im weiten Umkreis so ein Mordinstrument besaß. Und dieser lud mich zu einer kurzen Mitfahrt ein! Ich bedauere noch heute, dass ich dazu nicht den Mut aufbrachte, weniger aus Angst vor der Fahrt, als davor, was meine Eltern zu dem Wagnis sagen würden. 1901 kam dann die Fernfahrt Paris — Berlin durch Rheda. Das war schon etwas, an dem die heutige Entwicklung des Autos erkennbar wurde; die Wagen sahen nicht mehr wie Kutschwagen aus und die Geschwindigkeiten näherten sich der 80-km-Grenze, immerhin bei den Bremsen und Reifen ein Wagnis. Ich sehe den Sieger Fournier noch an der katholischen Kirche um die Ecke sausen, Ehrenpforten waren errichtet und unzählige Kinder winkten den Fahrern die Richtung zu.

Zu gleicher Zeit, vielleicht noch 1899 fuhr ich mit meinen Eltern selbst zum ersten Mal in einem Motorwagen in Leipzig und ich erinnere mich noch lebhaft des Gruseins, als hinter uns eine Elektrische auftauchte, die weit schneller war, wie unsere Kutsche, so dass ich meinte, wir würden überrannt. Diese Erinnerungen muten heute an, wie die Schrecken der ersten Eisenbahn Nürnberg — Fürth.

Kehren wir nun zu den Schlossgebäuden auf dem Unterhof zurück.

Gegenüber dem Wachgebäude steht das alte Schlosstheater, welches seinen Zwecken noch zu Zeiten meines Urgroßvaters Emil Friedrich gedient hat — wann es gegründet wurde, weiß ich nicht, es befindet sich aber ein Eckstein mit der Jahreszahl 1790 an seiner Südwestecke —; Kostüme waren früher zahlreich vorhanden und mussten der Stoffnot in den Kriegen geopfert werden und Dekorationen gibt es noch heute. Auch Theaterzettel erzählen von den Aufführungen einheimischer Künstler oder durchreisender Truppen. Der Haken für den Vorhang befand sich bis vor kurzem noch an der Wand neben dem Haupteingang, so dass man annehmen darf, dass die Hälfte des Hauses Zuschauerraum, die andere Hälfte Bühne war. Ich kenne das Gebäude nicht anders als Reitbahn und meine Erinnerungen daran sind langweiliger Art, denn mein Vater liebte das Schulreiten nicht, unterrichtete mich auch nicht darin, ritt aber an Regentagen hier sein Träbchen und etwas Galopp . Zuweilen musste auch meine Mutter mittun, dann bewegten wir die Pferde eine halbe Stunde auf diese Weise und es war eine Erlösung, wenn mein Vater an dem Klingelzug riss, der einen Kutscher herbeizitierte. Damals hingen viele Hirschgeweihe an den Wänden, deren Stangen mit Schienen verbunden waren, auf denen Kerzenhalter angebracht waren. Die Geweihe interessierten mich weit mehr, als die Reiterei und stammten wahrscheinlich aus Theaterzeiten her.

Das Stallgebäude war weit mehr nach meinem Geschmack.

Der Stall war vorzüglich aufgezogen. Alle Boxen waren besetzt mit meist schönen Pferden, teils aber auch alten Tieren, denn mein Vater konnte sich nicht von ihnen trennen, gehörte überhaupt, wie die meisten Herren dieser Zeit zu denen, die nur zufrieden waren, wenn die Pferde im Stall standen. Es kostete oft Kämpfe, wenn ein Wagen etwa nach Lippstadt oder Gütersloh gebraucht wurde. Nur zum Spazierenfahren und zu Jagdfahrten wurden Gespanne bereitwillig spendiert und eine wesentliche Aufgabe meiner Großmütter bestand während ihrer Besuche darin, die Wagen zu Spazierfahrten zu bevölkern. Drei Kutscher und ein Stallknecht sorgten für Tiere, Geschirre und Wagen. Dass sie sich überarbeitet hätten, konnte nicht erwartet werden, dafür war aber alles wie geleckt, besonders an Sonntagen, wenn die Stallgasse mit weißem Sand bestreut war und der diensthabende Kutscher im „besten Zeug” jeden Strohhalm aufsammelte.

Ich erinnere mich auch noch, in einem schneereichen Winter meinen Vater gesehen zu haben, wie er den alten Barockschlitten benutzte. Mit zwei Pferden bespannt und einen Kutscher auf der Pritsche hinter ihm sah das Gefährt recht stattlich aus.

Wenn Lina an Regentagen gar nichts mit mir anzufangen wusste, dann gingen wir in die „Heuecke”, dort, wo das Heu vom Boden herabgeworfen wurde. Hier spielte ich gern, baute Nester und Höhlen und sah hernach wie ein Schornsteinfeger aus.

Die alten Kutschen aus dem 18. Jahrhundert, welche in der Remise am Ende des Gebäudes standen, waren auch ein sehr beliebtes Objekt zum spielen, was aber eigentlich verboten war. Vor dem sechssitzigen Schlitten mit dem gemalten Löwenkopf an seiner Front hatte ich eigentlich etwas Angst, denn das Gesicht des Löwen hatte etwas Drohendes; andererseits ähnelte es aber auch wieder dem Gärtner Poppe.

Das Spritzenhaus im Holzstall war immer verschlossen und man konnte die Feuerspritze aus dem 18. Jahrhundert nur durch die Lattentür staunend betrachten. Wenn es aber in der Stadt brannte, dann wurde die alte „Kora” davorgespannt und alle dienstfreien Kutscher und Schlosssoldaten eilten im Zuckeltrab den Steinweg hinab zur Branntstelle. Auch mein Vater versäumte es nie, stets in einen alten ärmellosen Havelock gehüllt und einen schwarzen steifen Hut auf, seiner Spritze zu folgen und übernahm selbst mitten in der Nacht das Löschkommando, so z. B. beim Brande von Schmits Scheune hinterm Krökelteich, deren züngelnde Flammen ich noch heute vor mir sehe. Schiller hätte seine „Glocke” nach solchen Ereignissen dichten können; nebenbei hatten sie aber auch etwas von der gruseligen Stimmung des „Feuerreiters” für mich kleinen Knirps. Dazu tat Lina das ihrige und sie war es auch, die mir bis zum heutigen Tage die Abneigung gegen das Läuten der Glocken beigebracht hat; „Chott, er hat doch sonne Angst fürs Sterben” sagte sie damals einmal erklärend zu meiner Mutter.

Das Wirtschaftsgebäude hatte damals, wie erwähnt, schon seinen Zweck erfüllt und stand leer. Der Anbau gegen Westen, der heute ein Dach trägt und als Schuppen dient, war der frühere Brackenstall mit einem Haus und einem Hof, welcher von einer hohen Mauer umgeben war; er stammt aus der Zeit von Moritz-Casimir l., wie ein Eckstein besagt. Hier hausten meine Freunde, die Hunde, bis ihnen ein neues wärmeres Quartiert im alten Kuhstall angewiesen wurde. Einmal war ich hier in den gefüllten Eimer rücklings hineingefallen, der allerlei sehr unappetitliche Ingredienzien als Hundefutter enthielt. Lina war außer sich und sagte einmal über das andere „l Gitt, i Gitt, was’n eklig Kind”! Ich habe meinem hinzukommenden Vater nie wieder so lachen sehen. Der Eimer hatte dauerhaft an meinem Hinterteil gehaftet.

Von den Wirtschaftsräumen des Gebäudes und des Waschhauses, der Bügel- und Mangelstube, welche später nach ihrem Umbau der Küchenmarie als Wohnung dienten, von der Tischlerwerkstatt, in welcher Stork amtierte und mich zuweilen alte Farbenreste — denn er war auch Anstreicher — verschmieren ließ, sowie endlich von der Waschküche, war bereits vorher die Rede. Zur Zeit der Landwirtschaft hatte der alte Müller Stuchtey auch einen Raum inne in der späteren Wohnung von Küchenmarie. Er war der Hofverwalter und schrieb hier seine Listen über Ausgang und Eingang von allen Produkten der Wirtschaft. Der Betrügerei auf dem Hofe hatte aber auch dieser umsichtige Ehrenmann nicht zu steuern vermocht.

Am Zufluss des toten Emsarmes in den Fluss steht ein historisches Häuschen das „Grüne Häuschen” von Lina „Fischerhäuschen” genannt, weil hier die versenkbaren Fischkästen sich befanden, welche als Hälter dienten. Dieses spitze altmodische Häuschen stand früher im Bouquet und diente Onkel Casimir als Voliere für seine Vögel. Den Obelisk davor hat erst mein Vater dahin gesetzt, vermutlich war er ein Denkmal für ein gefallenes Pferd. Ein monströser Kahn war hier verkettet, der sich durch ungewöhnliche Unbeweglichkeit auszeichnete, aber gern zum Rudern auf der Ems benutzt wurde, was wir später mit den Hauslehrern eifrig betrieben, wobei Herr Erfling uns — d. h. mir und meinen Kameraden — Karl May vorzulesen pflegte.

Nachdem wir das Erdgeschoss der Unterhofsgebäude kennen gelernt haben, steigen wir in die zahlreichen Räume des Stallgebäudes in seinem ersten Stock hinauf.

Gleich rechts an der Treppe hinter der ersten Tür lag das Gehirn der Gesamtverwaltung, die „Fürstliche Domänenkammer”.

Der alte Kammerrat Borgemann und der Kammersekretär Breeder saßen sich hier an einem großen Tisch gegenüber. Zuweilen durfte ich das Allerheiligste betreten, um mit Lisa mir Tinte auszubitten. Mir will es heute scheinen, dass dies relativ häufig geschah und der Konsum wird wohl darauf in der Hauptsache zurückzuführen sein, dass Lina mich hier an der Hand von Herrn Breeder gut beschäftigt fand. Dieser war ein kleines buckliges Männchen, der mich gleich Borgemann sehr ins Herz geschlossen hatte. Er ließ für mich dann die Kuckucksuhr schlagen, wobei ein kleiner Vogel flügelschlagend sichtbar wurde und weihte mich dann in die Geheimnisse der Schreibkunst ein, wobei er mir die Hand führte. Mich interessierte diese Tätigkeit jedoch viel weniger, wie das Pfeifen in seiner armen verkrüppelten Brust, der er auch allzu früh erlegen ist. Herr Heller, der spätere Rechnungsrat, kein geringeres Original, wurde dann sein Nachfolger.

In der Nebenstube thronte olympisch der Chef, Oberkammerrat und Justizrat Quensel. Doch zu meiner Zeit nur noch selten, vielmehr ließ er sich in einem besonders dafür gefertigten, noch vorhandenen zweiräderigen Karren die Akten in sein Haus kommen. Ich erinnere mich nur noch wenig an ihn. Als er sein 40- oder sogar 50-jähriges Jubiläum feierte, wurde ich schön angezogen und fuhr mit den Eltern in der alten Glaskutsche, die so schwer wie eine Kanone war, zu ihm, um zu gratulieren. Er wohnte in dem später von Beermann erworbenen Haus in der Wilhelmstraße. Gegenüber der Kammer befand ich damals die Gewehrkammer (zuletzt Registratur), ein Raum, den ich zuweilen, aber nur in Begleitung meines Vaters, betreten durfte. Was gab es hier nicht alles zu sehen. Da waren zunächst die vielen Gewehre aller Sorten, angefangen bei einigen großkalibrigen Wallbüchsen, den schon erwähnten Gewehren der Schlosssoldaten nebst Trommel und Sponton, Wilddiebswaffen, auseinandernehmbar, sogenannte Stockflinten, ein Chassepotgewehr von 1870 und sehr altertümliche Jagdwaffen, Pulverhörner, Jagdtaschen, sogenannte „Hasensärge”, nicht zuletzt eine Anzahl schön eingelegter Gewehre mit Steinschloss und eine große Auswahl von Pistolen, große, kleine, Schwesterwaffen und solche mit schönen Messingbeschlägen. In einer Ecke stapelten sich die alten Tschakos und überzähligen Säbel nebst Patronentaschen der Soldaten. Die größte Sehenswürdigkeit war jedoch das große Richtschwert, das mir von Blut immer noch etwas verrostet schien. Mein Vater pflegte es dann aus der Scheide zu ziehen und den eingravierten Spruch vorzulesen, der einem stets ein angenehmes Gruseln verursachte „Wenn ich dies Schwert duh’ aufheben, dann wünsche ich dem armen Sünder ein ewiges Leben”. Wenn ich nicht irre, stand noch eine Jahreszahl vor dem Dreißigjährigen Kriege dabei.

Einige Handschellen und Ketten sowie ein geschmiedetes Hirschgeweih, welches den am Pranger stehenden Delinquenten umgebunden wurde, sofern sie Wilddiebe waren und nicht eine höhere Strafe verwirkt hatten, gab mir das Empfinden, dass selbst meine kleinen Hände mit der höheren Gerichtsbarkeit etwas zu tun hatten.

Gegenüber an der Wand stand ein Pferdegerippe. Obgleich ich die Geschichte längst kannte, glaubte ich, Anspruch auf jedesmalige Wiederholung zu haben und mein Vater erzählte mir dann von den schlimmen „Büschern” in Gütersloh, den Leuten, die auf dem „Busch” wohnten und übel berüchtigt waren, wie diese den Landesherrn Moritz-Casimir l. einmal fangen wollten und er nur durch die Schnelligkeit dieses Pferdes entkam. Dabei erinnerte ich mich dann auch der Geschichte des alten Hülsmann, der am Schwarzen Holz eine Art Waldhüter war, über dieselben „Büscher”, die einmal ein junges Mädchen gefangen hatten” und da wollten se se unterkriegen und wenn se das nich wollte,